Die Zeit reist



Das Deutsche Reich begründet sich 1871. Die Zeit der Kleinkriege hinter sich lassend, wahrhaftig große Aufgaben angehend.
Gerecht soll die Welt werden, ehrlich und stark.
Die kaiserlichen Reichsjustizgesetze von 1879 weisen den Weg in eine humane Zukunft.
Auch wer die Rechtsregeln verletzt, ist ein Mensch.

Nicht Kerker, dunkle Verließe und in feuchte Wände getriebene Eisen sollen dem Unredlichen den Weg weisen.
Nicht Teer noch Federn die Tat nach außen zur Kenntnis geben.
Nicht Thyphus, Cholera und Schwindsucht den schnellen Tod bringen.

Ein neuer, humaner Strafvollzug soll kommen.
In sichere Zellen verbracht, ein des Nachdenkens würdig Umfeld umgibt Körper und Geist.

Im Jahre 1883 beginnen die Arbeiten zur Errichtung des Gerichtsgefängnisses in Otterndorf.
Der ministerielle Schriftverkehr liegt noch heute verborgen im Staatsarchiv in Stade.
Vergessen geglaubte Schätze werden gehoben.

Eine Sandschüttung im Otterndorfer Schlossgarten gleich hinter dem Amtsgericht
wird die Treppenfundamente tragen.
Schwer beladen bringen die Fuhrwerke die roten Ziegel aus dem fernen Drochtersen. Aus dem Ringofen am Torfe gebrannt.
Zwei Jahre preussischer Maurers-, Tischlers- und Schmiedekunst verstecken sechs Einzelzellen, zwei Viererzellen, eine Krankenzelle und eine Strafzelle hinter dicken Mauern.

Die Zellen mit schweren Eichendielen belegt, mit einem Bett von Eisen, einem Ofen, einem Tisch, einem Stuhl und einem Eimer für die Notdurft.
Es gibt zu essen und zu trinken, preussisch abgezählt, aber sättigend.

Ein wahrhaftig kommodes Umfeld. Warm, trocken und sicher.

Die Gefängnisdirektoren sind glückliche Menschen. Auch sie haben genug zu essen. Ein Stall mit Schweinen und Federvieh steht ihnen zur Verfügung, der Amtsgarten mit Dutzenden von Obstbäumen bringt reiche Ernten.

In das Gefängnis hinein kommt, wer schwarz schlachtet, wer dem nächsten sein Eigentum nimmt und - sofern weiblich - wer sich mit polnischen Landarbeitern einlässt.
Hinaus kommt, wer zwei Tage oder vielleicht drei Wochen dort verbringt.

Gewichtige Fälle werden an Stade, Celle, Buxtehude oder Lüneburg abgegeben.

Seit 1885 dient das Gerichtsgefängnis als Hort der Besserung.
Im Jahre 1954 werden die alten Kohleöfen in den Zellen durch eine Zentralheizungsanlage ersetzt. Welch' ein gemütlich Haus.
Wieder ist das Gefängnis Otterndorf dem Fortschritt weit voraus - denn wer sonst wärmt sich in dieser Zeit an einer Zentralheizungsanlage, wenn nicht der sich Bessernde in Otterndorf ?

Zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ziehen allerlei Justizverwaltungsreformen über das Land. Gerichtsbezirke werden zusammen gelegt, der Vollzug neu definiert.
Nun setzt die Hygiene neue Maßstäbe. Die Fäkalienkübel in den Zellen sind nun unerwünschtes Gerät, das Haus ist für einen grundlegenden Umbau zu klein, die Kosten sind zu hoch. Und so schließen sich die preussischen Tore und das Gefängnis versinkt im Jahre 1964 in einen beheizten Dämmerschlaf. Die Gefängnismauer stürzt ein und wird bis auf die Fundamente abgetragen, der Amtsgarten verwildert, der Holzwurm setzt dem Stallgebäude zu und schon bald schlummert der Hort im Dickicht der Vergessenheit.